‚Grund-lose‘ Translation (?) – Zur translatorischen Begründungsproblematik und dem Nutzen postfundamentalistischen Denkens für die Translationswissenschaft

Christian Gogol (Johannes Gutenberg-Universität Mainz)

„Es gibt keine festen Regeln, weil es keine festen Grenzen gibt. Grenzen werden aktuell vom Translator gezogen.“

Hans J. Vermeer. „Grenzen der Translation ausloten.“ Vortrag am 22. November 2008 in Germersheim im Rahmen der Fachtagung Translation als Schlüsselbegriff der Interdisziplinarität, S. 7. <http://www.fb06.uni-mainz.de/vermeer>

Wenn Vermeer auf die prinzipielle Vorläufigkeit (translations)wissenschaftlicher Ergebnisse hinweist und betont, dass es keine festen Regeln geben kann, „weil es keine festen Grenzen gibt“, dann wird hierdurch die postfundamentalistische Dimension seines Denkens erkennbar. In der Tat bietet ein postfundamentalistisches Denken einen vielversprechenden Ausgangspunkt für die von ihm geforderte Einnahme neuer und transformativer Perspektiven, die insbesondere mit Blick auf die Frage nach dem ‚Wesen‘ von Translation und die Begründung translatorischer Qualität wertvoll erscheinen.

So besteht der philosophisch interessante Aspekt von Wesensbestimmungen darin, dass jeder eingrenzende Definitionsversuch ein metaphysisch-essentialistisches Totalitätsdenken impliziert. Ein solches Totalitätsdenken ist in Bezug auf die Begründung translatorischer Qualität jedoch insofern problematisch, als es zu Letztbegründungsansprüchen verleitet, wonach es möglich sein müsste, ein Translat im Sinne einer nicht-kontingenten Totalität zu erstellen, deren Angemessenheit aus einem letzten Grund, der diese Angemessenheit mit zwingender Notwendigkeit verbürgt, abgeleitet werden kann. Doch wie wäre eine solche translatorische Totalität überhaupt zu denken? Wird davon ausgegangen, dass Totalität immer an eine Grenzziehung gebunden ist, die das ausschließt, was nicht zur Totalität gehört – wenn Totalität also systematisch an Negativität gekoppelt ist –, dann kann es eigentlich keine (totalen) Totalitäten, sondern nur noch partielle translatorische Totalitäten geben.

Eine Absage an translatorische letzte Gründe darf jedoch nicht zur völligen Verabschiedung der Dimension des Grundes führen, da die Notwendigkeit der Begründung translatorischer Entscheidungen natürlich weiterhin gegeben ist. Für die Ausarbeitung von Translationstheorien stellt sich also die Frage, wie Translation jenseits von totalisierenden Letztbegründungsansprüchen gedacht werden kann, ohne in einen Relativismus der Beliebigkeit zu verfallen. Im Vortrag möchte ich diese Frage hinsichtlich der qualitätssichernden Maßnahme der Übersetzungsrevision diskutieren und dabei Bezug nehmen auf das Paradigma des Postfundamentalismus mit seiner Einsicht in die notwendige Kontingenz sozialer Verhältnisse.

Literatur

Abel, Lenk (1999): Sprache, Zeichen, Interpretation. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Dizdar, Dilek (2006): Translation: Um- und Irrwege. Berlin: Frank & Timme.
Eco, Umberto (1972/2002): Einführung in die Semiotik. Padernborn: W. Fink.
Marchart, Oliver (2013): Das unmögliche Objekt – Eine postfundamentalistische Theorie der Gesellschaft. Berlin: Suhrkamp.
Siever, Holger (2010): Übersetzen und Interpretation. Frankfurt am Main: Peter Lang.


 ‘Ground-less’ translation (?) – On the problem of translatorial justification and the advantages of post-foundationalist thinking for Translation Studies

By pointing to the general preliminarity of scientific knowledge and through emphasizing that there are no fixed rules because “there are no fixed borders”, Vermeer reveals the post-foundationalist dimension of his thinking. Post-foundationalist thought indeed offers a promising vantage point for taking up new and transformative perspectives which seem valuable, especially for the question of the ‘nature’ of translation and the justification of translatorial quality.

The philosophically interesting aspect of determining an essence is that every attempt at a delimiting definition implies a metaphysical-essentialist notion of totality. However, such a notion of totality is problematic with regard to the justification of translatorial quality because it seduces to claims of ultimate grounding which posit the possibility of producing a translation as a non-contingent totality whose appropriateness can be deduced from first principles. But how can such a translatorial totality be thought of in the first place? If we assume that a totality is always dependant on a boundary which excludes what does not belong to the totality – if totality is intrinsically connected to negativity – then there can be no (total) totalities, only partial translatorial totalities.

A rejection of translatorial ultimate grounding, however, must not lead to a total rejection of the dimension of grounds, since the necessity of justifying translatorial decisions still remains. The development of translation theories is thus confronted with the question how translation can be thought of beyond totalising claims of ultimate grounding without falling into the relativism of arbitrariness. In this presentation I want to discuss this question with regard to measures of quality management in translation revision by drawing on the paradigm of post-foundationalism and its insight into the necessary contingency of social relations.

Translated by Tomasz Rozmyslowicz